Türkisches Wirtschaftsministerium

Die türkische Regierung hatte viel Optimismus ausgestrahlt in den letzten Monaten. Sie versuchte mit einer Trotzhaltung der in- wie ausländischen Kritik zu begegnen. Die Überschreitung politischer Kompetenzen, Korruptionsvorwürfe und das Bergwerksunglück von Soma hatten vor allem das richtige politische Gespür vermissen lassen. Da das weltwirtschaftliche Umfeld derzeit ebenfalls schwächelt, wurde mit einem Ende der hohen Wachstumsraten gerechnet. Die Unsicherheit unter Investoren und bei Unternehmen schien groß.

Doch angekündigte Revolutionen finden ebenso wenig statt wie angekündigte Weltuntergänge und so zeigte sich die türkische Wirtschaft zwischen Januar und Ende März von all diesen Anfechtungen unbeeindruckt. Sie legte laut den offiziellen Zahlen des Türkiye İstatistik Kurumu, der staatlichen Statistikbehörde TürkStat, um 4,3% gegenüber dem Vorjahresquartal zu. Damit expandiert die Wirtschaft das 18. Quartal in Folge, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Auch im Vergleich zum vierten Quartal 2013, in dem ein BIP-Plus von 4,4% ausgewiesen wurde, zeigt sich die Ökonomie zwischen Bosporus und Vansee robust.

Exporte legen zu, Konsum schwächelt

Die Detailanalyse macht deutlich, woher das Wachstum kommt. So konnte die türkische Industrie ihren Output um 18,6% steigern. Angetrieben wird sie vor allem von der Auslandsnachfrage, die Exporte legten um 11,4% zu. Gleichzeitig wurden aber nur 0,8% mehr Waren importiert als im Vorjahresquartal. Hier macht sich die schwache Lira bemerkbar. Die hatte seit Beginn der Proteste im Gezi-Park Ende Mai 2013 um rund ein Drittel gegenüber US-Dollar und Euro verloren, stabilisiert sich aber seit Januar dieses Jahres. Die schwache Währung verbilligt die türkischen Waren im Ausland, macht aber Produkte aus dem Ausland in der Türkei teurer. Dieser Effekt dürfte auch der Hauptgrund sein, warum die Binnennachfrage schwächelt. Denn der Konsum wurde nur um 2,9% erhöht. Die türkischen Konsumenten schnallen also den Gürtel etwas enger. Auffällig ist zudem, dass die staatlichen Ausgaben deutlich zulegten und 8,6% über dem Wert im Vorjahresquartal lagen. Das Wirtschaftsministerium betonte zudem, dass fast alle Branchen einen Zuwachs auswiesen, wobei der Finanz- und Versicherungssektor die größten Wachstumsraten zeigte.

Ökonomen auf falschem Fuß erwischt

Alles in allem präsentiert sich die türkische Wirtschaft somit sehr robust und bleibt die einzige Wachstumslokomotive in Europa. Sie straft damit aber auch jene Ökonomen lügen, die einen starken Rückgang des Wachstums prophezeit hatten. So hatte der Internationale Währungsfonds IMF erst im April seine Prognose für das BIP-Wachstum von 3,5% auf 2,3% für dieses Jahr reduziert und dies mit einer steigenden Inflation und dem höheren Zinsniveau begründet. Der türkische Finanzminister Mehmet Şimşek und Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi (Foto, Mitte) gehen nun ganz offiziell davon aus, dass man im Gesamtjahr 2014 ein Wirtschaftswachstum von 4% erreichen werde. Das wäre wahrscheinlich der höchste Wert in allen OECD-Staaten. Die Q1-Zahlen wurden am Markt verhalten positiv aufgenommen. Londoner Devisenhändler rechnen weiter mit einer Abschwächung im Laufe des Jahres. Ein Händler sagte, dass ihm vor allem die Expansion der staatlichen Ausgaben zu Denken gebe. Generell aber herrsche in der Finanzcommunity Erleichterung darüber, dass es nicht zu dem befürchteten Einbruch gekommen ist.

Gibt es einen Nordirak-Effekt?

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob sich dieses Ziel nach den jüngsten Ereignissen im Nordirak auch realisieren lässt. Der Konflikt könnte auf mehreren Ebenen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen. Zum einen bezifferte Zeybekçi das aktuelle jährliche Handelsvolumen mit dieser Region auf rund 15 Mrd. US-Dollar. Der Minister ging am Donnerstag davon aus, dass sich diese Probleme kurzfristig lösen lassen. Entscheidend ist wohl, ob sich der Konflikt in die Länge zieht und Auswirkungen auf die Tourismuswirtschaft entstehen. Wir stehen schließlich am Beginn der Hauptreisezeit. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Bürgerkrieg in Syrien zeigen aber, dass sich Reisenden von Konflikten in Nachbarländer der Türkei nicht abschrecken lassen. In diesem Jahr könnte die schwache Lira sogar für einen Zusatzeffekt sorgen, bietet sie doch den Tourismusbranche viel Flexibilität bei den Kosten und damit auch im Preiswettbewerb mit Euroland-Destinationen.