Der Lehrer Timur Kumlu (r) unterrichtet am 30.08.2013 an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt am Main (Hessen) Mädchen und Jungen aus drei ersten Klassen in islamischer Religion.

Seit 2008 findet in Hamburg in Kooperation mit dem Zentrum für Lehrerbildung und dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung der Schülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“ statt, eine Initiative der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Hamburger Schüler aus Einwandererfamilien können auch in diesem Jahr an einem dreitägigen Seminar teilnehmen. Dort erhalten sie Informationen über das Lehramtsstudium und den Lehrerberuf.

Noch in den Achtzigern oder sogar in den Neunzigern kam es selten vor, dass Einwandererkinder ein Gymnasium besuchten. Erst recht nicht Lehrer aus Einwandererfamilien. Heute ist die Anzahl der Schüler mit Zuwanderungsgeschichte, die ihre Schulzeit mit dem Abitur beenden, gestiegen. Somit auch die Anzahl der Studenten. Trotzdem trauen sich viele dieser Schüler bzw. Studenten nicht, den Lehrerberuf anzustreben. Es fehlt(e) den meisten an Selbstvertrauen und Vorbildern. Die Vorstellung, später selbst vor Schülern zu stehen und ggf. Geschichte, Mathematik oder sogar Deutsch zu unterrichten, können sich die meisten bis heute noch nicht vorstellen.

Mangelndes Selbstvertrauen, kaum Vorbilder und fehlende konkrete Unterstützung erschwerten den Schülern, sich für den Lehrerberuf bzw. das Lehramtsstudium zu entscheiden. Viele entschieden sich daher eher für wirtschaftliche oder technische Fächer. Heute wissen wir umso mehr, wie wichtig es ist, dass schon an den Schulen Kollegen sind, die diesen Weg gemeistert haben. Diese können dann mit ihren Erfahrungen und ihrem Know-How sowohl die anderen Kollegen als auch die Schüler unterstützen. Die kulturelle Vielfalt an den Schulen findet leider bisher keine Entsprechung innerhalb der Lehrerschaft. Nichtdestotrotz hat der Lehrer mit Migrationsgeschichte die gleiche Aufgabe und Funktion wie alle Lehrer und sollte alle Schüler gleichermaßen ansprechen können. Es geht also nicht nur darum, die Anzahl der Lehrer mit „Migrationshintergrund“ zu erhöhen, sondern die Anzahl qualifizierter und „guter“ Lehrer zu erhöhen. Dass sich darunter auch mehr Lehrer aus Einwandererfamilien befinden, ist am Ende ein positiver Nebeneffekt.

Einige frühere Teilnehmer jetzt bereits im Schuldienst

Im Jahre 2008 durfte ich auch an dem Campus teilnehmen. Nicht als Schüler, sondern als Lehrer. Und es war ein besonderes Gefühl, die Chance zu bekommen, Schüler mit unterschiedlicher Herkunft zu unterstützen und dazu zu motivieren, Lehramt zu studieren. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft waren es Schüler, die in Deutschland geboren und hier aufgewachsen sind, die deutsche Sprache beherrschten und die deutsche Kultur kannten, ohne ihre Herkunft zu leugnen. Schüler, deren Eltern oder Großeltern aus Ghana, Bosnien, der Türkei, Spanien, Polen oder Indien gekommen waren. Einige von jenen, die ich 2008 kennen gelernt habe, studieren heute auf Lehramt, sind Referendare oder sogar Kollegen an Schulen.

Die Notwendigkeit, diese Ziele zu verwirklichen, wurde auch von der Zeit-Stiftung erkannt. Daher startete man dieses Projekt. Am Freitag war Bewerbungsschluss. Viele dieser neugierigen und erwartungsvollen Schüler werden vom 22. bis zum 24. März einen Einblick in den tollen Lehrerberuf bekommen. Ziel ist es dadurch, dass Lehrer mit „Migrationshintergrund“ als Rollenvorbilder wesentlich dazu beitragen können, den Schulerfolg von Schülern, insbesondere auch von Schülern aus Einwandererfamilien, zu erhöhen und ggf. eine interkulturelle Schulentwicklung konstruktiv mitzugestalten. Insgesamt erscheint eine solche Erhöhung als ein entscheidender Schlüssel für Chancengleichheit, Bildungserfolg und Teilhabe an der Gesellschaft.

Mögen Veranstaltungen dieser Art eines Tages unnötig werden!

In den drei Tagen des „Schülercampus“ können die Schüler eine erste Orientierung und eine Vorbereitung hinsichtlich des Lehramtsstudiums bekommen. Die Teilnehmer informieren sich über die Fähigkeiten und Voraussetzungen für das Lehramtsstudium. Die Unsicherheit, sich für oder gegen diesen Beruf zu entscheiden, wird ihnen so eventuell genommen. Einige erkennen auch, dass der Beruf nichts für sie ist. Auch wer sich am Ende gegen diesen Beruf entscheidet, bekommt einen sehr professionellen Einblick in den Lehreralltag. Man lernt viele Personen kennen, die auch noch in der Zukunft hilfreich sein können. Die Teilnehmer diskutieren mit Studenten, Referendaren, Lehrern, Schulleitern und Hochschullehrern.

Ich hoffe, dass irgendwann Begriffe wie „Migrationsgeschichte“, „Zuwanderungsgeschichte“, „Integration“ usw. im Hinblick auf Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, wirklich Geschichte sein werden. Ich hoffe, dass die kulturelle Vielfalt unter Lehrer irgendwann als ganz normal und alltäglich angesehen wird. Ich hoffe, dass irgendwann diese und ähnliche Stiftungen und Institutionen solche Projekte nicht mehr organisieren müssen.

Ich hoffe, dass durch die Heterogenität und die Vielfalt in den Lehrerzimmern nicht nur unter den Schülern, sondern auch unter den Lehrern die Toleranz und die Begegnung der Menschen mit unterschiedlicher Herkunft gefördert und sogar gefordert werden. Das Ziel sollte die gemeinsame Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens in Deutschland, in Europa und sogar auf der Welt sein.

Ich hoffe, dass es irgendwann normal sein wird, dass jeder Mensch in Deutschland als ein Bürger dieser Gesellschaft angesehen wird.

Suat Aytekin ist in Lübeck geboren und aufgewachsen. Über den zweiten Bildungsweg absolvierte er das Abitur und studierte im Anschluss Geschichte und Wirtschaft/Politik auf Lehramt. Zurzeit arbeitet er als Fachseminarleiter für Geschichte und PGW (Politik/Gesellschaft/Wirtschaft) am Landesinstitut in Hamburg (Lehrerausbildung).

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.