Das deutsche Schulsystem hat mit jedem Jahr mehr an Schwierigkeiten zu bewältigen. Lehermangel, schlechte Leistungen, fehlendes Geld nur einige Probleme.

Ein wichtiger Faktor im Bildungssystem ist die Chancengleichheit, welche im Sinne des Gleichheitssatzes des Grundgesetzes beachtet und gefördert werden muss. Deutschlands Gesellschaft besteht aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Und wie Untersuchungen zeigen, spielt die Zugehörigkeit der Herkunftsfamilie zu einer bestimmten sozialen Schicht diesbezüglich eine wichtige Rolle. Die Bildung, der Erfolg und die Zukunft des Kindes können davon sehr stark beeinflusst werden.

Doch wie sieht in Deutschland die Situation hinsichtlich der Chancengleichheit in der Bildung tatsächlich aus? Haben alle Schüler die gleiche Möglichkeit auf eine gute Bildung und damit auch auf eine leuchtende Zukunft?

Bezogen auf das Verhältnis zwischen Schülern, Lehrern und Eltern hinsichtlich des Themas Chancengleichheit hat das Allensbach-Forschungsinstitut in Kooperation mit der Vodafone Stiftung eine Studie unter dem Namen „Hindernis Herkunft: Eine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern zum Bildungsalltag in Deutschland“ durchgeführt.

Die Ungleichheit der Chancen unter den Schülern in Deutschland wird aus einer sozialen Perspektive heraus bezogen auf die Leistungen der Kinder von Familien aus den unteren Schichten der Gesellschaft reflektiert. Laut der Umfrage ist für 54% der Lehrer das Unterrichten der Schüler in den letzten 5 bis 10 Jahren schwieriger geworden. Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist der Anteil derjenigen, die von Schwierigkeiten sprechen, in diesem Jahr um 4% gestiegen. 74% der Lehrer zufolge müssten zum Zwecke der Reduzierung der bestehenden Unterschiede in den Leistungen der Schüler individuelle Förderungen stattfinden.

Eltern bestimmen die Bildungsqualität der Schüler

Den Daten der Studie zufolge sind 96% der Lehrer der Meinung, dass das soziale Niveau der Familie auch die Bildungsqualität des Schülers bestimmt. 54% der Lehrer zufolge bestehen zwischen Schülern, welche aus unterschiedlichen Klassen der Gesellschaft stammen, erhebliche Unterschiede im Schulerfolg. Sozial gesehen gibt es unter den Schülern aus verschiedenen Ebenen der Gesellschaft vor allem auch eine Differenzierung hinsichtlich der Motivation, die Schule zu besuchen. 42% der Schüler aus Gesellschaftsschichten mit höherem Einkommensniveau gehen gerne zur Schule, wohingegen nur 25% der Schüler aus unteren sozialen Schichten freiwillig zur Schule gehen würden.

Nachhilfe ist unausweichlich

Die Hauptursache dafür, dass Kinder nicht die gleichen Chancen bekommen, lasse sich auf Mängel hinsichtlich der Erziehung in den Familien zurückführen. 84% der Lehrer und 79% der Eltern sind der Auffassung, die Familien beschäftigen sich zu wenig mit ihren Kindern. Darüber hinaus finden Eltern und Familien, dass die Familien ihren Kindern keine entsprechenden Vorbilder sind und die Familien aus sozial unteren Schichten an ihren Kindern im Bildungsalltag nicht genügend Interesse zeigen. Dies ist mit der mangelnden Kommunikation innerhalb der Familien bezüglich des Schullebens ihrer Kinder zu begründen. Ein Großteil der Lehrer und der Eltern tritt dafür ein, dass für Kinder mit schlechten Leistungen Nachhilfe in der Schule angeboten werden sollte. Außerdem verlangen die meisten Lehrer und Eltern eine Vermehrung der Klassenzahl bei gleichzeitiger Verringerung der Anzahl der Schüler innerhalb der einzelnen Klassen.

Jedes Kind ist in der Lage, gute Leistungen zu erbringen

Wenn man all diese Tatsachen auf die Chancen von Schülern auf gute Leistungen umlegt, macht das keinen positiven Eindruck und lässt nicht unbedingt auf eine gute Bildungsperspektive für Kinder in Deutschland hoffen. In diesem Zusammenhang fragen sich wohl einige Eltern, die trotz ihrer begrenzten Möglichkeiten ihre Kinder bewusst auf eine möglichst gute Zukunft vorbereiten wollen, ob es doch keinen Weg gibt, die Bildung der Kinder zu motivieren. Eine zuversichtliche Antwort darauf kommt ebenfalls von der Vodafone Stiftung. Anfang des Monats hat diese eine Studie veröffentlicht, welche untersucht, wie verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse im Bildungsbereich genutzt werden können. In dieser Studie, welche in Kooperation mit der RSA (Royal Society of Arts, britische Gelehrtengesellschaft zur Wissenschaftspflege) geführt wurde, wird sowohl den Eltern als auch den Lehrern empfohlen, die Schüler nicht entsprechend ihren Noten, sondern entsprechend ihren Bemühungen zu bewerten.

Laut der Studie hängt der Erfolg der Kinder in der Schule von drei Faktoren ab: Die eigenen Gedanken und Annahmen des Kinder über sich selbst, seine Denkweise und Umweltfaktoren. Bezüglich den eigenen Gedanken und Annahmen des Kindes wird auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass die Fähigkeiten des Kindes nicht konstant sind und es in der Lage ist, genau wie seine Muskeln, auch seine geistigen Leistungen zu stärken.

Noten spielen keine große Rolle

Eine der bemerkenswerten Empfehlungen der Studie ist zudem, dass nicht die Noten, sondern die Bemühungen im Unterricht seitens der Schüler beachtet und bewertet werden sollten. Trotz der Feststellung, dass dies nicht durchsetzbar und unrealistisch sein dürfte, wird den Lehrern empfohlen, zu Beginn eines jeden Schuljahres dem Schüler eine gute Note zu geben. Somit würden die Lehrer verfolgen können, wie sehr sich der Schüler um die Beibehaltung dieser guten Note bemüht.

Hinter diesen Empfehlungen liegen wissenschaftliche Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem menschlichen Verhalten. Dementsprechend erleben Menschen das Gefühl von Verlust viel intensiver als das Gefühl der Freude, sich etwas Neues hinzuverdient zu haben. Auf diese Weise könne erreicht werden, dass die Schüler sich mehr dafür anstrengen, ihre gute Note zu behalten, als überhaupt eine gute Note zu bekommen.

Die Empfehlungen der Experten sind trotz der vorhandenen Schwierigkeiten im Bildungsalltag sinnvoll und bei richtiger Ausführung auch sicherlich erfolgreich. So haben um den Erfolg der Schüler besorgte Lehrer und Eltern immerhin einige Wege, deren Bildung optimistisch gestalten und beeinflussen zu können.