27.03.2020, Türkei, Istanbul: Gesundheitsbeamte bereiten sich darauf vor, eine Person, die durch das neuartige Coronavirus ums Leben gekommen ist, auf einem neu vorbereiteten Friedhof für die Virusopfer im Istanbuler Stadtteil Beykoz zu begraben. Die Behörden haben diesen Platz für die Beerdigung der an Covid-19 Verstorbenen reserviert. Foto: Selçuk Şamiloğlu/Hürriyet/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kürzlich haben wir das Thema „Bestattungen und Überführungen in Zeiten der Corona-Krise“ aufgegriffen. Unter den Facebook-Posts entwickelten sich interessante Diskussionen. Dabei ging es auch um die Frage, ob man sich in Deutschland oder der Türkei bestatten lassen sollte. Wir haben zwei Teilnehmer mit jeweils unterschiedlicher Position gefragt, ob sie sich vorstellen können, einen Gastbeitrag zu verfassen. Heute veröffentlichen wir den ersten davon.

Ein Gastbeitrag* von Yusuf Coşkun

Wir Muslime und Türken haben seit der Auswanderung unserer (Groß-)Eltern eine enge Beziehung zu unseren Wurzeln, obwohl wir schon in der 3. und sogar mittlerweile in der 4. Generation in Deutschland leben oder lebten. Dabei geht es nicht mal um die Integrierbarkeit oder die negative Einstellung gegenüber Deutschland oder der christlichen Mehrheit hierzulande, die es bei einigen gibt.

Viele Türken sehen sich zwar gut aufgehoben in Deutschland, aber das gilt selten für die Zeit nach dem Tod. Warum entscheiden sie sich bewusst für eine Bestattung in der Türkei? Auch wenn es mittlerweile muslimische Friedhöfe in Deutschland gibt, sind für sie andere Faktoren maßgeblich entscheidend.

Heimat ist da, wo mein Herz schlägt: In der Türkei

Eine große Rolle spielt der Heimatbegriff. Für mich etwa ist Heimat nicht der Ort, wo ich aktuell lebe, sondern dort, wo mein Herz schlägt. Auch wenn ich mich vergangenes Jahr für eine Auswanderung nach Istanbul entschieden habe, so habe ich auch davor so gedacht. Die meisten lassen sich dort begraben, wo ihre Eltern und Großeltern ruhen.

Für mich ist die Türkei eine zentrale Anlaufstelle und ein Rückzugsort. Jeder Türke in Deutschland, den ich kenne, fährt alle 1-2 Jahre in die Türkei und weiß, wo das Grab seiner Großeltern liegt. Auch wenn eine Grabstätte in Deutschland näher für die eigenen Kinder wäre, weiß man nicht was die Zukunft bringt; etwa wenn diese wegziehen, wie in meinem Fall.

Persönliche Bittgebete für die Toten

Dazu kommen religiöse Gründe. Der islamische Gebetsruf etwa, der in Deutschland nicht oder nur zu äußerst seltenen Anlässen zu hören ist, ertönt in der Türkei täglich mehrmals. Für mich sprechen auch die persönlichen Gebete für ein Begräbnis in der Türkei. Denn die Kinder und Enkel treffen bei einem Friedhofsbesuch während des Urlaubs nicht nur auf ihre eigenen Eltern, sondern auch auf ihre Großeltern und andere Verwandte. Bei der Gelegenheit können sie für all sie Bittgebete verrichten.

Ich denke, dass wir uns im größeren Kontext ebenso darum bemühen sollten, den kulturellen und religiösen Zerfall, der zu beobachten ist, zu verhindern. Wie viele aus unserer 3. und 4. Generation beherrschen die türkische Sprache noch fließend? Wie viele kennen ihre Kultur? Und die religiösen Rituale? Das bereitet mir Sorge, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Es gibt viele Faktoren, die für ein Begräbnis in der Türkei sprechen, mehr als jene, die ich aufgezählt habe. Aber keiner von ihnen soll dazu dienen, Deutschland in irgendeiner Form zu diffamieren. In Deutschland leben? Ja. Sich dort beerdigen lassen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe meine Entscheidung getroffen.

DTJ-Leser Yusuf Coşkun lebte bis vergangenes Jahr in Deutschland und hat sich für eine Auswanderung nach Istanbul entschieden. Dort lebt er jetzt im Stadtteil Şişli.

* Gastbeiträge sind Beiträge von Personen, die nicht zur DTJ-Redaktion gehören. Manchmal treten wir an Autorinnen und Autoren heran, um sie nach Gastbeiträgen zu fragen, manchmal ist es der umgekehrte Fall. Gastbeiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.