Foto: Shutterstock.com

Wenn Olcay am Wochenende seine Hochzeit feiert, soll alles ruhig und friedlich ablaufen. Das hat er bereits im Vorfeld mit seinen Freunden abgesprochen. Seine Ansage ist klar: „Ich will an dem Tag kein Stress mit der Polizei oder mit Anwohnern haben, sondern den schönsten Tag meines Lebens erleben!“ Dass eine Hochzeitsfeier so abläuft und nicht anders, sollte eigentlich selbsterklärend sein. Doch tatsächlich ist dem nicht so. Seit dem 1. April registrierte die nordrhein-westfälische Polizei etwa 252 Einsätze, 35 davon auf Autobahnen. Teilweise waren sogar Schusswaffen im Spiel.

Mehr Aufmerksamkeit wegen Korso auf A3

Seit einem Zwischenfall auf der Autobahn A3 bei Ratingen geht die Polizei härter gegen Ordnungswidrigkeiten im Rahmen türkischer Hochzeitskorsos vor. Dabei wechselten etliche Nobel-Karossen permanent mit Warnblinklicht die Spuren, bis sie den Verkehr komplett ausbremsten, um auf der Autobahn Fotos zu machen. Einige der Fahrer bestritten ein Fehlverhalten.

Tradition von Hochzeitskorsos

Hochzeitskorsos haben in der Türkei eine lange Tradition. „Die gab es immer“, sagt Ahmet Toprak, Autor des im Herbst erscheinenden Buchs „Muslimisch, männlich, desintegriert“. Mehrere Autos fahren dabei schön geschmückt und hupend durch die Gegend. Die Botschaft ist klar: Hier wird geheiratet! Toprak: „Vor Erfindung der Handys und anderer moderner Kommunikationsmittel war das sehr wichtig, um die Dorfgesellschaft auf dieses Ereignis aufmerksam zu machen. Daher kommt auch das Schießen.“ Es sollte laut zugehen, damit auch wirklich jeder es mitbekam. Doch auch in der Türkei geht die Polizei gegen solche Vorfälle rigoros vor und verhängt hohe Strafen. Das Blockieren von Autobahnen oder Verkehrsknotenpunkten ist nach übereinstimmender Sicht der Experten neu und in der Türkei in dieser Form tatsächlich unbekannt. In NRW hat das Innenministerium sogar eine Broschüre mit Informationen über Hochzeitskorsos erstellt, in denen klar und deutlich zu lesen ist, was erlaubt ist und was nicht.

Auch Deutsche organisieren Hochzeitskorsos

„In Dörfern wird die Frau traditionell zum Beispiel auf einem Pferd rumkutschiert, in der Stadt natürlich im Auto“, erläutert die Migrationsforscherin Gülistan Gürbey von der Freien Universität Berlin. „Und je mehr Wohlstand und Konsum zunehmen, desto größer werden diese Autos. Die Autos werden dann zum Statussymbol aufgewertet: Man will zeigen, was man hat. Dabei sind viele Autos nur für den großen Tag gemietet.“

Mit den türkischen „Gastarbeitern“ der 1960er Jahre gelangten die türkischen Traditionen nach Deutschland. Inzwischen macht Gürbey die Beobachtung: „Auch andere Bevölkerungsgruppen, darunter auch Deutsche, übernehmen diese Form des Feierns zunehmend, sie kopieren es, weil es schlichtweg Aufmerksamkeit erzeugt und Spaß macht.“

Olcay will diese positiven Aspekte des Hochzeitskorsos beibehalten und seine Hochzeit entspannt feiern. „Es wird ein Hochzeitskorso mit Hupen geben, aber keine regelwidrigen Aktionen.“