Wenige Wochen nach dem Putschversuch bleibt die Atmosphäre in der Türkei angespannt. Kritische Worte oder ausbleibendes Farbe bekennen werden als Vaterlandsverrat gebrandmarkt, Vorreiter bei diesem Mobbing-Prozess sind oft die regierungstreuen Medien.

Jüngstes Beispiel: Die Sängerin Sıla. Sie hatte im Zusammenhang mit der “Demokratie- und Märtyrer-Versammlung” in Yenikapı erklärt, dass sie entschieden gegen Putsche sei, aber nicht Teil „solcher Shows“ sein werde.

Diese Worte wurden von den regierungstreuen Medien als Steilvorlage genommen, um Sıla in ein schlechtes Licht zu rücken. Nachdem sie nach der Versammlung am Sonntag erklärte, dass sie hinter ihren kritischen Worten zur Veranstaltung in Yenikapı stehe, erhöhten die genannten Medien die Dosierung. Ihre Worten verwunderten nicht, sie sei auch bei den Gezi-Protesten an vorderster Front dabei gewesen, erinnerte „Sabah“ in einem Artikel, der mit dem Titel „Sängerin Sıla macht weiter mit ihrer Dreistigkeit und Unverfrorenheit“ versehen war. Was bedeuten soll: Sıla ist ein Çapulcu und damit gegen Erdoğan und die AKP. Sie ist freigegeben zum Abschuss.

Der Artikel zeigt Wirkung. In den letzten 24 Stunden wurden mehrere für August und September geplante Konzerte der beliebten und erfolgreichen Musikerin seitens der Veranstalter einseitig abgesagt.

Auf Twitter bekommt Sıla allerdings Rückendeckung. Mehrere User zeigten sich solidarisch und verurteilten die Kampagne gegen die 36-Jährige. Sie teilten Lieder oder Fotos von ihr. „Ist das eure so wertgeschätzte Demokratie?“, fragt beispielsweise Aslı Gökyokuş. Andere kündigten an, selbst ein Konzert für ihr Idol organisieren zu wollen, auf dem sie auftreten könne.

Auf Nachfragen zeigte sich der Star bedeckt. „Sözcü“ zufolge sagte sie am Donnerstag: „Ich möchte dazu nicht mehr viel sagen. Jeder hat die Worte so interpretiert, wie es ihm gepasst hat. Ich habe gesagt, was ich denke. Das ist es doch auch, was Demokratie ausmacht, oder?“