In der Straße, in der ich in den 1950er Jahren groß wurde, herrschte lange Zeit Stille, vorbeifahrende Autos hörte man schon von weitem. Dann gab es eines Tages einen Auflauf der Kinder, die einen stahlblauen VW-Käfer mit kleinem Rückfenster und Blinkleuchten, die aus dem Chassis herausklappten, umringten. Der Nachbar hatte das Fahrzeug erstanden, er war der erste Autobesitzer in unserem Straßenabschnitt. Und es gehörte zum samstäglichen Ritual, das Fahrzeug zu putzen und zu wienern. Auch dabei schauten wir zu. Einen VW, so träumten wir, wollten wir eines Tages auch besitzen.

Kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als Deutschland im Begriff stand, Großbritannien als führende Wirtschaftsnation zu überholen, kam der Begriff „Made in Germany“ auf. Die Engländer führten ihn ein, zur Abwehr vermeintlich billiger deutscher Importware. Die Ironie der Geschichte will es, dass heutzutage jeder Deutsche auf dieses ‚Made in Germany‘ stolz ist. Die ursprüngliche Bedeutung ging verloren. Dieses Gütesiegel ist vielleicht das geheime Markenzeichen der Nation.

Der Betrugsskandal bei VW wird auch den Industriestandort Deutschland treffen

Wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen der Betrugsskandal bei VW haben wird, ob der Schwindel bei den Dieselfahrzeugen die Marke langfristig beschädigen wird. Denn das hätte Auswirkungen auf den Industriestandort Bundesrepublik – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem das Land mehr denn je international gefordert wird, deutsche Finanzkraft unerlässlich für alle Vorhaben der Europäischen Union ist. Gewiss ist Deutschland ein High-Tech-Land, aber der Wohlstand kommt zu einem guten Teil nur deswegen zustande, weil die Bundesrepublik noch immer eine große Autonation ist. Das Geld wird also mit einem Produkt verdient, das in den Anfängen der Industrialisierung entwickelt wurde. Wenn es mit diesem Produkt Probleme gibt, hustet Deutschland nicht nur, sondern wird auch bettlägerig.

Der Zeitgenosse horcht an dieser Stelle unwillkürlich auf, denn – um ehrlich zu sein – wird er seit geraumer Zeit von Meldungen aufgeschreckt, bei denen es um den Glanz oder besser wachsende Risse in diesem ‚Made in Germany‘ geht. Natürlich fällt einem sofort der Berliner Flughafen ein, die endlosen Pannen und Kostensteigerungen bei Großvorhaben, aber eben nicht nur hier. Auch im Alltag, so mein Eindruck, kommt das ‚Made in Germany‘ mittlerweile allzu oft unter die Räder. Man erwischt sich dabei, dass man nicht ins Internet oder ins Telefonbuch schaut, um einen Handwerkerbetrieb zu beauftragen, sondern dass man im Bekanntenkreis herumfragt, ob jemand eine Firma kennt, die gut, die ordentlich arbeitet. Berlin ist hier trotz hoher Arbeitslosigkeit erstaunlicherweise kein gutes Pflaster. Wer aus Bayern, Baden-Württemberg oder dem Rheinland zugezogen ist, erlebt in der deutschen Hauptstadt manche Enttäuschung, wenn es um Qualitätsarbeit geht. „Pfusch am Bau“ ist zu einem gängigen Begriff geworden.

Der Schaden ist groß

Abnehmender Glanz beim „Made in Germany“ ist aber auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt zu beobachten. Bei Behördengängen wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit geringer Hingabe, sehr routiniert, fast lustlos gearbeitet wird. Dazu trägt auch der schlechte Zustand der Gebäude, die armselige Ausstattung der Amtszimmer bei. Geradezu katastrophal sind die baulichen Verhältnisse an vielen Schulen. Wen kann es da wundern, dass die Schüler ihr Umfeld, in dem sie einen erheblichen Teil des Tages verbringen, kaum wertschätzen, und die Lehrer gereizt sind, Tag für Tag darum kämpfen müssen, motiviert zur Arbeit zu gehen? Die Missachtung des baulichen Zustandes des Schulgebäudes durch den Dienstherrn müssen sie als Geringschätzung der eigenen Arbeit ansehen.

Zurück zu VW, zum ‚Made in Germany‘, wohl auch einer Geschichte von Größenwahn und dem berühmten Berliner Ausspruch: „Mir kann keener.“ Der Schaden ist groß, und es wird lange dauern, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass andere Automobilhersteller auch „Dreck am Stecken“ haben. VW ist anders, es steht für den Wiederaufbauwillen des geschlagenen Landes, für die Motorisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und auch für den Stolz der Neubürger, die bislang zu Recht davon ausgehen konnten, mit dem Erwerb eines VW es in Deutschland geschafft zu haben.