Nokta-Logo

Die Zeitschrift Nokta war diese Woche international in die Schlagzeilen gelangt, nachdem die türkische Polizei bei einer Razzia in der Nacht von Sonntag auf Montag die aktuelle Ausgabe beschlagnahmte. Grund war die Titelseite, die eine Fotomontage von Staatspräsident Erdoğan zierte, der auf einer Soldatenbeerdigung ein Selfie vor einem Sarg machte. Der Vorwurf: Beleidigung des Staatspräsidenten und Propaganda für eine Terrororganisation. Nun hat sich Nokta in einer Stellungnahme zur Razzia und den Vorwürfen geäußert:

„Den Titel unserer Zeitschrift, der die Razzia der Polizei zur Folge hatte, mag man hart, unbequem, ja sogar unbarmherzig finden. Das ist aber für ein Medienorgan kein Vergehen, sondern die Art und Weise unserer Kommunikation. Die Fotomontage auf dem Titelblatt, das die Razzia zur Folge hatte, brachte die Zeitung Guardian vor Jahren über den damaligen (britischen) Premieminister Tony Blair. Wie Ihr vermuten werdet, hatte dies keine staatlichen Konsequenzen zur Folge.“

Weiter führt die Redaktion aus: „Wie verhehlen nicht, dass das Bild eine Inszenierung ist. Wir verleumden nicht. Wir lügen nicht. Wir bilden auf dem Titelblatt lediglich ab, was der größte Teil der Öffentlichkeit denkt. Der Staatspräsident sagte, dass Märtyrertum etwas ist, worüber man Freude und Glück empfinden soll. Menschen machen Selfies vor Ereignissen, die sie glücklich machen. In unserem Titelbild ist eine ironische und eine ziemlich harte Kritik abgebildet.“

Weiterhin beschuldigen sie die Behörden, der Vorwurf der Terrorpropaganda sei aus der Luft gegriffen gewesen, um eine Razzia zu ermöglichen: „Da mit der Anschuldigung der Beleidigung des Staatspräsidenten Medienorgane nicht durchsucht und beschlagnahmt werden können, hat man den Durchsuchungsbeschluss handschriftlich um ‚Propaganda für eine Terrororganisation‘ ergänzt“, behauptet die Redaktion in ihrer Stellungnahme.

Um diese Fotomontage geht es: Recep Tayyip Erdoğan vor einem Sarg eines gefallenen türkischen Soldaten

Beschwerden auch von Cumhuriyet und Hürriyet

Unterdessen beklagt auch die oppositionelle Zeitung Cumhuriyet, dass der Zugriff auf ihre Internetseite willkürlich verhindert werde. Zuerst habe die Türkische Telekom (Türk Telekom) den Zugriff der Leser auf ihre Seite eingeschränkt, sodass sie nicht geöffnet werden konnte. Nun klagt die Zeitung, dass auch andere Internetanbieter wie TT Net, Uydunet oder PTT Cell den Zugriff auf ihre Seiten behindern würden.

Cumhuriyet ist in ihrem redaktionellen Kurs klar gegen die Regierung gerichtet. Als Zeichen, dass sie sich dem staatlichen Druck nicht beugen wolle, veröffentlichte die Zeitung vor zwei Tagen auf ihrer Internetseite demonstrativ eine Zusammenstellung kritischer Artikel, von denen sie mutmaßt, dass sie der Grund für die Zensur seien. Zuletzt berichtete sie auch über eine Äußerung Staatspräsident Erdoğans, mit der er in einem Fernsehinterview eine Verbindung zwischen der derzeitigen Lage der terroristischen Gewalt im Land und der Zahl der von der AKP gewonnenen Abgeordneten hergestellt haben soll.

Ein sich darauf beziehender Tweet der Zeitung Hürriyet galt als der Vorwand für die Angriffe von AKP-nahen Randalierern auf das Redaktionsgebäude der Zeitung. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ist mittlerweile bekannt für seine Dünnhäutigkeit und sein rigides Vorgehen gegen die kritische Presse. Während seine Anwälte Kritiker mit Gerichtsprozessen überziehen, dürfen in regierungsnahen Zeitung wie im Fall von Cem Küçük (Star) gegen den bekannten Hürriyet Journalisten Ahmet Hakan folgenlos Todesdrohungen ausgesprochen werden.