Die dramatische Verschiebung der Fluchtrouten im Mittelmeer belastet nach Angaben der Vereinten Nationen zunehmend das finanzschwache Griechenland. „Da hat sich die Zahl der Neuankünfte im Juni fast verdoppelt“, berichtete am Donnerstag der Leiter der Rechtsabteilung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Roland Blank, bei einer Veranstaltung der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag. Im Mai habe es 18 000 Neuankünfte von Flüchtlingen in Griechenland gegeben, im Juni dagegen 33 000. „33 000 Neuankünfte in einem Land, das eine Aufnahmekapazität von 1000 bis 2000 Personen hat“, sagte Blank. Damit gebe es dort jetzt täglich fast soviel Flüchtlinge wie eigentlich monatlich aufgenommen werden könnten.

Auch der Verwaltungsratschef der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, Ralf Göbel, bestätigte den Trend. Vor allem syrische Bürgerkriegsflüchtlinge nutzten zunehmend die Route über Griechenland oder die Türkei. Nachdem die starke Sicherung der spanischen Grenze Wirkung zeige, habe aber auch weiterhin die Fluchtroute über Libyen große Bedeutung. Blank sprach sich für eine stärkere Harmonisierung des europäischen Asylrechts und die Schaffung von Notfallmechanismen aus, um Flüchtlinge aus Griechenland sowie dem Schwerpunktland Italien auf alle 28 EU-Staaten gerecht zu verteilen.

Auch der Verband Deutscher Reeder (VDR) warnte eindringlich, dass die Katastrophe zunehmend dramatischere Ausmaße annehme und die Seeleute immer mehr vor ihre menschlichen Grenzen stelle. Der aus Leer stammende VDR-Präsident Alfred Hartmann berichtete von traumatischen Erfahrungen der Matrosen, wenn sie auf hoher See hilflos dem Tod zahlreicher Menschen zusehen müssten. Nach dem Kentern vieler Booten trieben oft Hunderte Nichtschwimmer im Wasser. Zudem seien Handelsschiffe nicht ausgelegt für die Aufnahme großer Menschenmengen. Hartmann lobte sowohl die unbürokratische Hilfe der italienischen Behörden bei der Flüchtlingsaufnahme sowie auch die spürbare Entlastung durch den Einsatz der Bundesmarine. (dtj/dpa)