Im Wedding werden Migrantenkinder häufig mit Vorurteilen überfallen.
Im Wedding werden Migrantenkinder häufig mit Vorurteilen überfallen.

Ich dachte immer, ich würde dazugehören. Mittlerweile war es so, dass ich in meiner Heimatstadt Berlin immer willkommen war. Ich fühlte mich hier nicht fremd, schließlich war ich hier geboren und aufgewachsen. Ich fühlte mich hier wohler als an jedem anderen Ort auf der Welt. Doch an diesem Tag kam ich mir ausgegrenzt vor. Ich fühlte mich minderwertig.

Vergangenen Mittwoch saß ich in meinem Sprachwissenschaftsseminar und lauschte einem Vortrag. Das Thema lautete „Die Stadt als Brennpunkt sprachlicher Heterogenität: Neue Ansätze in einer variationslinguistischen Geolinguistik“. Im Laufe des Vortrags kristallisierte sich immer mehr heraus, was für einen „schlechten Einfluss“ die arabischen und türkischen Migranten auf die deutsche Sprache hätten. Ich hielt mich zurück, doch ich spürte, wie ich immer tiefer in meinem Stuhl versank. Es begann eine Diskussionsrunde und die Studenten und die Dozentin schienen sich immer mehr in das Thema hineinzusteigern. Es wurden zwei Videos von Schülern mit Einwanderungsbiografie gezeigt, die auf eine Hauptschule gingen und sich nicht normgerecht artikulierten. Plötzlich begannen alle zu lachen und darüber zu reden, wie sehr diese Schüler auch die deutschen Jugendlichen negativ beeinflussen würden. Die deutschen Jugendlichen würden versuchen, in einem so genannten „Türkendeutsch“ zu sprechen, um nicht ausgeschlossen zu werden. Und dass es als Migrantenkind schwer sei, erst einmal aus diesem sozialen Umfeld herauszufinden. Ich sagte immer noch nichts, doch mein Gesicht lief rot an vor Wut, vor Scham, vor Trauer. Ich hatte keinen Grund mich zu rechtfertigen.

Doch das Gelächter wurde lauter. Ich schaute mich um. Alles deutsche Stundeten. Zwei oder drei Studenten waren aus Spanien oder einem anderen „exotischen Land“. Ich war mit meinem arabischen Migrationshintergrund die einzige, die zu den Menschen gehörten, die die deutsche Sprache angeblich so schlecht beeinflussen würden.

Ohne, dass ich es wollte, spürte ich, wie mein Arm in die Luft schoss. Meine Dozentin sah mich sofort, doch drehte sich weg und suchte nach anderen Teilnehmern, die etwas sagen wollten. Wahrscheinlich rechnete sie damit, was jetzt kommen würde. Nach kurzem Zögern zeigte sie langsam auf mich. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte und lächelte. „Ich finde es ehrlich gesagt sehr traurig, dass nur solche Beispiele gezeigt werden. Über mich könnte man auch sagen, dass ich aus einem so genannten sozialen Brennpunkt stamme. Ich bin im Wedding geboren und aufgewachsen. Ich habe keine Akademikereltern und habe es auch an die Universität geschafft. Ich spreche nicht wie diese Schüler in dem Video. Ich habe drei Geschwister und wir vier waren alle auf dem Gymnasium, weil meine Eltern hinter uns standen und Wert auf unsere Bildung gelegt haben. Meine Mutter trägt ein Kopftuch und unterrichtet Deutsch, doch wenn man sie auf der Straße trifft, wird sie erst einmal gefragt, ob sie Deutsch versteht, obwohl sie besser spricht als manch ein Gegenüber. Und ich finde es schade, dass wir immer noch diese Vorurteile haben und dass über all diese Einwanderer, die sehr wohl gebildet sind, nicht berichtet wird.“

„Du bildest nur die Ausnahme“

Anscheinend hatte ich einen Nerv getroffen. Allgemeines Gemurmel und Zustimmung. Ja, natürlich gäbe es diese „Ausnahmen“ und nicht alle Migranten seien so. Meine Dozentin stimmt den Studenten mit einem Nicken zu und schaut mich an. „Na ja, vielleicht wollten Sie es gerade so sehr, weil ihre Eltern nicht so sind.“ Ich finde diese Antwort unverschämt und weiß nicht, was ich sagen soll. „Meine Eltern kommen aus dem Libanon und mussten aufgrund des Bürgerkrieges fliehen. Ich bin mir sicher, dass sie gerne studiert hätten, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten.“ Schweigen. Eine Kommilitonin dreht sich zu mir um: „Ich finde es schön, dass du es geschafft hast, aber wie du selbst gesagt hast, bist du eine der Ausnahmen.“ Wahrscheinlich war diese Bemerkung nett gemeint, doch ich fühle mich verletzt. Warum muss ich mir von einer Person, die in der gleichen Stadt geboren ist wie ich, die genauso alt ist wie ich, die das gleiche studiert hat wie ich, anhören, dass ich es geschafft habe und nun „dazu gehöre“? Wer gibt ihr das Recht, mich zu loben, dass ich es in den Kreis der „Normalen“ geschafft habe, weil ich nicht so bin wie die anderen Migranten, über die geschimpft wird? Was macht sie zu etwas Besserem als mich? Dass sie deutsch ist?

Nach dem Seminar fällt es mir schwer, meine Tränen zurückzuhalten. Es macht mich traurig, dass ich und meinesgleichen immer noch nicht wirklich angekommen sind. Ich fühle mich minderwertig und ich wurde dazu gedrungen, mich zu rechtfertigen. Mich und alle anderen Einwandererkinder, die aufgrund von Medienkritik und Äußerlichkeiten verurteilt werden, ohne die Chance zu bekommen, sich zu beweisen. Warum muss ich als Einwanderertochter die doppelte Leistung erbringen, damit ich auf dem gleichen Niveau bin wie die Einheimischen? Warum wird ein Versprecher von mir auf meinen Migrationshintergrund reduziert, während ein Deutscher es sich hingegen leisten darf? Deutsche versprechen sich ja nicht, richtig?

Was ist an Multikulturalismus falsch?

Ich möchte hier nicht verallgemeinern und alle in einen Topf werfen. Bisher hatte und fühle ich mich immer noch hier zu Hause. Ich wüsste nicht, was mich von anderen Studenten oder Mitbürgern unterscheiden sollte. Dass ich zweisprachig aufgewachsen bin und beide Sprachen auf Muttersprachenniveau beherrsche? Oder dass ich in zwei Kulturen aufgewachsen bin und mich das zu einem weltoffeneren Menschen machte? Ich kann es nicht verstehen, warum dieser Vorteil von der Gesellschaft so negativ dargestellt und als Hindernis gesehen wird.

Dass die Gesellschaft Migrantenkindern teilweise immer noch karrieremäßig wenig zutraut, war für mich seit meiner Kindheit einer der Gründe, es hoch hinaus schaffen zu wollen. Ich wollte der Welt, vor allem der „deutschen Welt“ beweisen, dass ich auch als Migrantentochter aus dem Wedding ohne Akademikereltern erfolgreich und gebildet sein kann.

Diejenigen, die um die deutsche Sprache besorgt sind, möchte ich gerne beruhigen. Ich denke nicht, dass die türkischen und arabischen Jugendlichen einen derartigen Einfluss auf sie haben werden. Dafür ist es nämlich zu spät, die deutsche Sprache ist längst von Einflüssen aus anderen Sprachen unterwandert. In diesem Sinne: „Hadi tschüss!“