Ein möglicher Fall von tödlichem Ärztepfusch erschüttert Stuttgart. In der Nacht zum vergangenen Montag starb die erst 21-jährige Esra O. nach fünf Tagen im Koma auf der Intensivstation. Am vergangenen Dienstag war die junge Frau mit Unterleibsschmerzen in die Filderklinik gekommen. Auf eigenen Wunsch wurde sie noch am gleichen Tag operiert, nachdem eine Zyste am Eierstock diagnostiziert worden war.

Was dabei geschah, wird nun die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Nach Angaben der Klinik soll beim Einführen einer Sonde für die Bauchspiegelung eine Beckenvene getroffen worden sein. Der Versuch eines Gefäßchirurgen, die lädierte Vene mit einer Vene aus dem Bein wieder zu verschließen, schlug fehl. Die Patientin verlor so viel Blut, dass dies auch mit mehr als zehn Litern Blutkonserven nicht mehr wettgemacht werden konnte. Esra O. fiel ins Koma. Fünf Tage später starb sie.

Chefarzt in Polizeibegleitung zur OP

Der Vorfall löste in der Klinik Geschäftigkeit aus. Bereits eine halbe Stunde danach kam der herbeigerufene Chefarzt mit Blaulicht und Polizeibegleitung in die Klinik, um die Wunde zu schließen. Zwei Gynäkologen, die an der Operation beteiligt waren, wurden bis auf weiteres beurlaubt. Die „Stuttgarter Zeitung“ berichtete zudem, dass die Behandlungsmethode, die bei der jungen Frau angewendet wurde und angeblich weit verbreitet und erfolgreich sein soll, in der Klinik umgehend abgeschafft worden sei.

Eine Gynäkologin aus Berlin, die anonym bleiben wollte, befürchtet, es könnte zum einen voreilig operiert, zum anderen dabei ausnehmend nachlässig gearbeitet worden sein. Sie erhebt schwere Vorwürfe: „Es gibt genügend Gründe für solche Gedanken. Patienten mit Migrationshintergrund werden offen und ohne jegliche Gewissensbisse nachlässig behandelt.“

Esra O. wird obduziert

Die OP betreffend müsse man Hatice Alkaya, einer weiteren Gynäkologin aus Berlin zufolge, verschiedene Aspekte hinterfragen. Sie erklärt: „Zunächst muss man feststellen, ob ein operativer Eingriff überhaupt von Nöten gewesen wäre. Erst bei akuter Lebensgefahr würde eine OP in Frage kommen. Ferner müsse man schauen, wie die Besetzung in der OP aussah.“

Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion angeordnet und will, so die Erste Staatsanwältin Claudia Krauth, einen Sachverständigen beauftragen, der „klären soll, ob ein Behandlungsfehler vorliegt“. Die Filderklinik äußerte mehrfach ihr Bedauern über den Vorfall.

Die Eltern von Esra haben die Anwältin und Expertin für Medizinrecht Dr. Anna Grub eingeschaltet. Ihre Tochter soll an der Schwarzmeerküste beigesetzt werden.