„Bist du eigentlich für Deutschland?“, „Fieberst du stärker mit, wenn die Türkei spielt oder Deutschland?“, „Für wen wärst du, wenn bei der WM Deutschland und die Türkei aufeinanderträfen?“

Spätestens bei der letzten Frage, die mir meine deutschen Freunde gerne während einer Endrunde stellen, tue ich mich nicht schwer – mittlerweile nicht mehr. Denn wann treffen die beiden Teams bei einer Weltmeisterschaft schon aufeinander? Während die DFB-Elf ihre Turniere schon weit im Voraus planen kann, muss sich die türkische Nationalmannschaft jedes Mal durch die Qualifikation zittern. Und mit ihr ihre Fans.

Ich sage es offen: Ich bin sowohl Fan der türkischen als auch der deutschen Nationalmannschaft. Am Sonntag hab ich das Finale der WM 2014 mit Türken zusammen geguckt und ich war mit der erste, der sich bei den Aktionen der Deutschen aufregte, ärgerte oder laut mitfieberte. Beim Tor sprang ich auf und ballte die Faust. Es war wie eine Befreiung.

Götzeidank

Ich war überrascht über mich selbst. Ich fragte mich im Nachhinein, wie ich wohl reagiert hätte, wenn die Türkei im Finale gestanden und nicht Götze sondern Arda das entscheidende Tor gemacht hätte. Der Jubel wäre mit Sicherheit emotionaler ausgefallen.

Doch es zeigte mir eins: Ich war ganz klar für Deutschland. Schon das ganze Turnier über. Die Art zu jubeln passt sich halt der Mentalität an, die Türken sind temperamentvoll, die Deutschen kontrolliert, weniger emotional. Aber egal, das Ding war drin, der Titel perfekt.

Türkischer und deutscher Fußball, das sind wirklich zwei sehr unterschiedliche Dinge. Natürlich ist man mehr mit Herzblut dabei, wenn die Nationalmannschaft erfolgreich ist, aber in den Momenten des ausbleibenden Erfolgs darf man die Augen nicht vor den Gründen dafür verschließen.

Denn wenn man sich die Gründe für den deutschen WM-Erfolg ansieht, die man klar aufzählen kann, fällt einem schnell auf, dass dieselben Punkte bei der türkischen Nationalmannschaft fehlen. Ich werde im Folgenden nur auf einen Kernaspekt eingehen.

24 Jahre Warten auf den vierten Stern

Deutschland gewann zuletzt 1990 den begehrten Pokal. 24 Jahre musste man auf Titel Nummer vier warten. Das kommt nicht von ungefähr.

Wer erinnert sich nicht an die Zeiten unter Berti Vogts, Erich Ribbeck und Rudi Völler? Klar wurde Deutschland mit „Tante Käthe“ 2002 Vizeweltmeister, doch diesem „Erfolg“ lag kein Konzept zugrunde. Völler mag sympathisch und authentisch gewesen sein, doch der Umschwung beim DFB wurde erst nach dem Euro-2004-Debakel eingeleitet.

Jürgen Klinsmann und Jogi Löw sorgten für frischen Wind und ein anderes Fußballdenken. Die Heim-WM 2006 kam wie gelegen. Und es war genau der richtige Moment, im Anschluss die Geschicke in die Hände von Löw zu legen.

The Mannschaft

Acht Jahre lang hat es gedauert. Finale 2008, Halbfinale 2010, Halbfinale 2012, Weltmeister 2014. Acht Jahre, in denen Löw, Flick, Bierhoff und Co. beharrlich und zielstrebig zusammengearbeitet haben. Die Funktionäre bewiesen Geduld, denn Erfolg muss wachsen. Man kann Erfolg nicht planen, aber man kann die Strukturen dafür schaffen. Portugal hat Ronaldo, Brasilien Neymar, Argentinien Messi, Deutschland aber hat ein Team. Nicht umsonst wird ihr in der internationalen Presse mit Bezeichnungen wie „The Mannschaft“ gehuldigt.

Was geschah in diesem Zeitraum in der Türkei? Im Gegensatz zu Deutschland war der dritte Platz 2002 ein tatsächlicher Erfolg. Es war die Leistung einer goldenen Generation um Spieler wie Hakan Şükür, Tugay, Suat, Rüştü, Bülent und und und. Diese Jungs spielten damals schon über Jahre hinweg zusammen und kannten sich aus der Jugend.

Einen großen Anteil hatte natürlich auch Galatasaray und Fatih Terim. Sie hatten den türkischen Fußball international salonfähig gemacht, das Team stellte bei der EM 2000 und der WM die Achse der Nationalelf.

Wie wichtig es ist, auch in der Stunde des Erfolgs die richtigen Maßnahmen zu treffen, zeigte sich dann nach der WM in Südkorea und Japan. Anstatt einen Schnitt zu machen und sich von wohlverdienten Spielern zu trennen, setzte man weiter auf den Kern des Kaders. Und als man schließlich 2004 knapp in den Playoffs an Lettland scheiterte, war es um die „Milli Takım“ geschehen.

Trainer Güneş musste gehen, Ersun Yanal kam. Anstatt sich wie Klinsmann und Löw um eine Neuorientierung im türkischen Fußball zu kümmern, legte er sich mit Hakan Şükür an. Der Rauswurf des Altstars gelang nicht. Yanal musste resigniert aufgeben. Und just in diesem Moment griff ein Reflex beim Verband – man erinnerte sich zurück an Fatih Terim, der das Team bereits in den 90er-Jahren trainiert hatte.

Terim, Terim, und weil’s so gut war, nochmal Terim

Terim ist in der Türkei eine Trainer-Legende. Sowohl auf Klub- als auch auf Länderebene ist er der erfolgreichste Coach aller Zeiten. Doch stellt genau dies das Problem dar. In guten wie in schlechten Zeiten muss Terim den Held bzw. Retter spielen, so auch aktuell. Während Deutschland an Löw, der übrigens vor über zehn Jahren zwei Mal kurzzeitig in der Türkei tätig war, festhielt, experimentierte man am Bosporus. Güneş, Yanal, Terim, Hiddink, Avcı und jetzt wieder Terim. Die Türkei konnte sich in diesem Zeitraum nur für die EM 2008 qualifizieren. Die Halbfinalteilnahme war zweifelsohne ein Erfolg, doch ist er in meinen Augen mit dem zweiten Platz des DFB 2002 vergleichbar: Dem Erfolg lag kein wirkliches Konzept zugrunde.

Es kann und darf nicht sein, dass der Erfolg mit einem Namen steht und fällt. Die Türkei ist mehr als nur Terim. Die Euro 2008 hat viele Probleme übertüncht, so atemberaubend sie auch gewesen sein mag. Man kann nicht immer darauf hoffen, dass die „Last-Minute-Türken“ die Spiele drehen. Das mag aufregend sein, geht aber auf Dauer nicht gut.

Nichtsdestotrotz: Das Team mit dem Halbmond und dem Stern auf der Brust genießt weiterhin einen guten Ruf. Erst am Sonntag, wenige Stunden vor dem Finale, unterhielt ich mich während einer Mitfahrgelegenheit mit einem deutschen Fan über die türkische Nationalelf. Und die Bewunderung für sie kam in dem Gespräch klar zum Vorschein: „Die Türkei war immer unangenehm zu spielen. Ich kenne kaum eine Mannschaft, die Technik und Kampfgeist so gut miteinander vereint.“

Es wird Zeit, dass die Türken dies mal wieder bei einer Endrunde unter Beweis stellen. Damit ich wieder ins Grübeln komme, wenn ich gefragt werde, für wen ich bin, wenn Deutschland und die Türkei aufeinandertreffen.