Der Salafismus gewinnt in der islamischen Welt an Einfluss. Sein Ziel ist die Ausrottung der gewachsenen islamischen Gemeinschaften und Traditionen.

Die islamische Welt wird 2014 stärker denn je vor einer Herausforderung stehen, die aus den muslimischen Communities selbst erwächst und ihre volle Aufmerksamkeit erfordert. Der Salafismus wird aggressiver denn je versuchen, wie ein Elefant im Porzellanladen die sunnitische Welt umzustrukturieren und durch Fanatismus, Geld und Waffen den eigenen Willen durchzusetzen.

Der Bürgerkrieg in Syrien wird in sein drittes Jahr gehen. Er hat jetzt schon das regionale Gleichgewicht verschoben und dem Aufstieg des Salafismus und seinen nicht selten durch ein besonders hohes Maß an Brutalität und Grausamkeit auffallenden Protagonisten Bahn gebrochen. Wir müssen dennoch dieses Phänomen nüchtern und analytisch betrachten, wenn wir dagegen wirksam vorgehen wollen.

„Salafismus“ im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich etwas, das als „Rückkehr zu den ursprünglichen Werten“ definiert werden kann, ist nichts, was wir fürchten müssten. Der Prophet Muhammad sagte: „Die besten Menschen sind jene, die in meiner Generation leben, und diejenigen, die ihnen folgen werden, und dann diejenigen, die ihnen nachfolgen werden.“ In diesem Sinne werden die ersten drei Generationen von Muslimen in diesem Hadith als die „Salaf“ bezeichnet.

Instrument zur Spaltung der muslimischen Gemeinschaften

Es handelt sich dabei um die Sahaba (die Gefährten des Propheten), die Tabiun (deren Nachfolger) und die Taba at-Tabii (die dritte Generation). Diese drei Generationen wurden als Modellgenerationen für alle Muslime gesehen. Und diese drei Generationen wurden als Kriterium für die korrekte Definition des Islam angesehen. „Salafismus“ in diesem Sinne bedeutet das Festhalten an jenem Weg, den diese drei Generationen beschritten hatten, wenn es darum geht, Schlüsse aus dem Heiligen Koran und der Sunna zu ziehen.

Aber wenn es beim Salafismus nur darum geht, zu den ursprünglichen Werten zurückzukehren, wie erklärt sich dann die Grausamkeit und Brutalität, die von „Salafisten“ der heutigen Zeit ausgeht? Nun, im Bestreben, die Religion zu erhalten, versuchte der Salafismus, alles, was nicht zu Zeiten des Propheten ausdrücklich als zulässig bezeichnet wurde, zu Bidʿa, also einer unislamischen Neuerung, zu erklären. Deshalb verweigern sie jedwede auf den historischen Kontext bezogene Interpretation, in welchem die Gebote und Verbote des Islam offenbart wurden, und beschuldigen alle, die ihre Interpretation nicht teilen, Gott Gesellen beizugeben (shirk).

Diese Ideologie dient den Salafisten nun als Grundlage für die Ausgrenzung all jener Muslime, die nicht sind wie sie. Diese werden als „unislamisch“ dargestellt und Gewalt gegen sie wird legitimiert. In diesem Klima steht die muslimische Welt nun vor der Aufgabe, sich selbst vor der Gewalt zu schützen, die von den selbsternannten „Gotteskriegern“ ausgeht, deren Wunsch es ist, „anzuordnen, was richtig ist“ und „zu verbieten, was böse ist“.

Im Einklang mit dem Imperialismus

Es ist außerordentlich einfach, ein Salafist zu werden, und gerade das hilft dieser Bewegung, unter jungen Menschen Anhänger zu finden. Die Bereitschaft, Teil des „Djihad“ zu werden und sogar dafür zu sterben, übt eine Faszination auf junge Menschen aus. Der Salafismus blüht und gedeiht überall dort, wo der Islam schwach vertreten ist (frühere Sowjetrepubliken, Europäische Union, Balkan), in Konfliktgebieten der islamischen Welt (Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Nordafrika), in Gegenden, in denen Armut und Verzweiflung herrschen (zB syrische Flüchtlingscamps), sowie in sozialen Bereichen, in denen die Religion eine geringere Rolle spielt (Mittelschicht, obere Mittelschicht, Universität und Akademiker). Es ist einer der Erfolgsfaktoren des Salafismus, dass er im Einklang mit dem Imperialismus funktioniert. Er ist nicht „systemfremd“. Der Salafismus spielt keine Rolle in den Golfstaaten, aus denen er kommt, und in den schiitisch dominierten Regionen. In ehemals osmanischen und seldschukischen Regionen geriet er zu einem modernen Mittel, um Sunniten unter Fremdherrschaft zu halten.

Die oft brutalen Säuberungsaktionen gegen den Sufismus in Konfliktregionen, die korrupten Regierungen in muslimischen Ländern und der Niedergang des Kommunismus als alternativer totalitärer Ideologie der Moderne haben zum Aufstieg des Salafismus beigetragen, der mit dem Begriff „Djihad“ identifiziert wird. Der Salafismus ist damit nicht nur linksgerichteten Bestrebungen gegenüber feindlich, sondern auch dem Sufismus. Nach Meinung der Salafisten bringe der Sufismus nicht den „Modellmuslim“ hervor. Aus diesem Grunde bekämpft der Salafismus den traditionellen Islam in den früheren Sowjetstaaten, auf dem Balkan, im Nahen Osten und in der Türkei. Dabei versucht er, die traditionellen Strukturen gewaltsam zu zerstören und die bestehenden Regierungen zu beeinflussen.

In diesem Kontext sind auch die jüngsten Terroranschläge in Wolgograd und auf den früheren libanesischen Minister Mohamad Shattah zu sehen, die intensiv analysiert werden müssen.

Die Türkei ist die Hauptträgerin der osmanischen und seldschukischen Gebiete und ihrer religiösen Tradition. Diese gegen den Salafismus, der sich in- und außerhalb der Türkei verbreitet, zu schützen und zu bewahren, wird auch 2014 eine große Aufgabe sein.

 Autoreninfo: Hasan Kanbolat ist Experte für Außen- und SIcherheitsepolitik der Türkei und Direktor des „Center for Middle Eastern Strategic Studies” (ORSAM) and „Center for International Relations and Politics” (UPAM). Er ist Kolumnist für „Today’s Zaman”.