Merkel begrüßt muslimische Schülerinnen.

Mancher islamische Religionslehrer mag seine christlichen Kollegen beneiden. Nicht nur in Anbetracht der anhaltenden Differenzen rund um das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster, sondern auch, weil es beim katholischen und evangelischen Religionsunterricht etablierte Strukturen gibt: Die Erstellung der Lehrpläne, die Ausbildung der Lehrer, die Unterrichtserlaubnis – alles ist bei den Kirchen geregelt. Davon ist der „Islam-Reli“ noch weit entfernt.

Zwar gibt es das Unterrichtsfach in NRW schon seit Sommer 2012 – jedoch steht es erst bei 61 Schulen, darunter 25 weiterführenden, auf dem Stundenplan. Und erst jetzt, anderthalb Jahre nach seiner Einführung, hat Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) den ersten Lehrplan für den Unterricht an Grundschulen in Kraft gesetzt. Ein von der Landesregierung berufener Beirat aus Vertretern muslimischer Organisationen hat das Curriculum abgesegnet.

Als Zielbestimmung legt der neue Lehrplan fest, dass die Schüler islamische Glaubensinhalte und -praxis kennenlernen, reflektieren, erleben und erfahren sollen. Der Unterricht solle religiöse Traditionen und Werte vermitteln. „Für die muslimische Glaubensgemeinschaft ist das Bekenntnis zu Allah/Gott und zum Propheten Muhammad maßgeblich“, heißt es in dem 36-seitigen Dokument. Mit dem Fach würden die Schüler „auf dem Weg ihrer persönlichen Entwicklung in Richtung Mündigkeit als Gläubige“ unterstützt. Themenschwerpunkte sind beispielsweise „Über Allah/Gott? Alles stammt von ihm, und zu ihm kehrt alles zurück“ sowie „Die heiligen Schriften und der Koran als Wort Gottes“.

Religionsübergreifende Toleranz als grundlegendes Element

Die Schüler sollen aber nicht nur islamische Glaubensinhalte, sondern auch religionsübergreifende Toleranz lernen, heißt es in dem Curriculum. Sie sollen „den Glauben an einen einzigen Gott als eine Gemeinsamkeit zwischen Judentum, Christentum und Islam“ identifizieren. Die jüdische Thora und Psalmen sowie das christliche Evangelium sollen den Schülern als „heilige Bücher“ von göttlichem Ursprung vermittelt werden. Gestalten wie Jesus und Moses tauchen als Isa und Musa, zwei vom Islam anerkannte Propheten, auf.

Zu kritischen Fragen, etwa dem Rollenbild der Frau, wird wenig Greifbares ausgesagt. So wird lediglich in einer Passage eine Kompetenzerwartung beschrieben: Die Schüler „beschreiben die Verschiedenartigkeit der Menschen (zum Beispiel Mann und Frau, Ethnien) als gottgewollt und erläutern sie als Bereicherung für das Zusammenleben“.

Probleme am ZIT Münster verschärfen Umsetzungsengpässe

Aus Sicht von Ministerin Löhrmann ist der Islamunterricht bereits „ein den anderen Fächern gleichberechtigtes Unterrichtsfach“. Doch mit dem neuen Lehrplan ist nur ein weiterer Schritt beim Aufbau des Fachs gemacht. Zum nächsten Schuljahr soll der Lehrplan für die Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) fertig sein, der Oberstufen-Plan ist noch gar nicht angekündigt. Bislang waren alle Schüler nach den Vorgaben des seit 1999 bestehenden Fachs „Islamkunde“ unterrichtet worden. Dies war jedoch kein bekenntnisorientierter Unterricht, und es gab keinen entsprechenden Lehramts-Studiengang. Die meisten Lehrer hatten lediglich einige Zusatz-Qualifikationen erworben.

Genügend grundständig ausgebildete islamische Religionslehrer zu haben, ist ein erklärtes Ziel des Landesbildungsministeriums. Seit rund einem Jahr gibt es am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster einen Studiengang für Islamlehrer. Hier sollen jedes Jahr zwischen 80 und 100 Studenten aufgenommen werden, doch bis die ersten ihr Studium und Referendariat abgeschlossen haben, ziehen noch Jahre ins Land. Zum jetzigen Zeitpunkt hat der Beirat rund 100 Lehrerlaubnisse ausgesprochen; nach Schätzungen aus Münster werden landesweit rund 900 Lehrer benötigt. Zudem erschweren dort die bekannten Unwägbarkeiten rund um die Arbeit des Beirats und des umstrittenen Professors Mouhanad Khorchide die Umsetzung der Zielbestimmungen.

Derzeit erhalten nur 4500 von insgesamt rund 320 000 islamischen Schülern in NRW einen bekenntnisgebundenen Unterricht. Auch in anderen Bundesländern gibt es Modellprojekte, jedoch noch nirgendwo einen flächendeckenden islamischen Religionsunterricht. Es ist noch ein weiter Weg hin zu einem „ganz normalen“ Fach. (KNA/dtj)