Teil einer zeitgemäßen Integrationspolitik

Die Eröffnung der Zentren für islamische Theologie (Abk.: ZITh) an den deutschen Hochschulen hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Neben Fragen und Hoffnungen begleiteten aber auch Unterstellungen und krude Theorien die Schaffung dieser Institutionen. Auf der einen Seite tauchten seitens der üblichen Verdächtigen Fragen und Bemerkungen auf wie „Was soll das jetzt?” oder „Der Islam gehört doch nicht zu Deutschland”, auf der anderen witterten manche Verrat und Umschreibung des Islam, als sie den Beteiligten vorwarfen, „die wollen definitiv den Islam europäisieren”. Dies alles war im Alltag keine Seltenheit, die Stimmen kamen aus verschiedenen Gruppen und Sektoren der deutschen Gesellschaft.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob die stetig anwachsenden und sich langsam vermehrenden ZITh-Einrichtungen – mittlerweile sind es fünf an der Zahl – einen Wendepunkt in der Gesellschaft darstellen oder doch ein misslungener Versuch sind.

Um sich einen Überblick verschaffen zu können, soll zum Zwecke der Veranschaulichung hier das Curriculum eines ZITh – in diesem Fall des Tübinger Zentrums – vorgestellt werden.

Das Tübinger ZITh ist der bundesweit erste Ort für Vermittlung des Islam auf staatlich-akademischer Ebene. Es diente und dient immernoch als Beispiel für weitere, später errichtete Zentren in Münster, Osnabrück, Frankfurt und Erlangen. Das ZITh in Tübingen ist dabei das einzige Zentrum, das ein achtsemestriges Bachelor-Studium anbietet.

Der Bachelorstudiengang „Islamische Theologie“ versteht sich als eine bekenntnisbezogene Disziplin, die Islamische Theologie auch mit allgemeinen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen verbindet. Dazu gehört die Beschäftigung mit religiösem Quellenmaterial, aber auch die Auseinandersetzung mit der religiösen Glaubenspraxis und deren Vermittlung. Darüber hinaus befasst sich der Studiengang mit der islamischen Religion im europäischen und deutschen Kontext und vermittelt interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen. Die Ausbildung erfolgt ausschließlich durch muslimisches Personal.

Der Studienplan ist dabei wie folgt aufgebaut:

1. Semester

Arabisch I
VL: Einführung in das Studium der islamischen Theologie
S: Einführung in wissenschaftliches Arbeiten und Methoden der islamischen Theologie
Interdisziplinäre Studien: Besuch von Sozial- und Geisteswissenschaften (bietet die Möglichkeit, auch in andere Bereiche einen Blick zu werfen oder diese gar mit dem Studiengang islamische Theologie kombinieren)

2. Semester

Arabisch II
VL: Islamische Geschichte und Zivilisation
S: Islamische Geschichte und Zivilisation
S: Sira (Prophetenbiographie)
S: Grundlagen der Koran und Hadithwissenschaft
VL: Islamische Religionspädagogik
S: Islamische Religionspädagogik
Interdisziplinäre Studien

3. Semester

Arabisch III
VL: Hadith
S: Hadith
VL: Tafsir (Koranexegese)
S: Tafsir (Koranexegese)
S: Klassische und moderne Texte zur islamischen Theologie
Übung: Einführung in die arabisch islamischen Literaturen
Interdisziplinäre Studien

4. Semester

VL: Fiqh und Usul al Fiqh
S: Fiqh und Usul al Fiqh
S: Aqida (islamische Glaubenslehre)
S: Tasawwuf (islamische Mystik)
Interdisziplinäre Studien
Schlüsselqualifikation (d.h. Angewandte Theologie, Sozialarbeit, Seelsorge, Bildung und öffentlicher Dienst), Koranwissenschaften (Tahwid, Tafsir etc. – praktische Aspekte -, Islamische Kunst und Kunstgeschichte)

5. Semester

Auslandssemester

6. Semester

S: Kalam (systematische Theologie)
VL: Systematische Theologie und Philosophie
S: Tafsir II
S: Islamische Philosophie
Praxisprojekte: Umsetzung des Erlernten

7. Semester

S: Der Islam und die anderen Religionen
S: Zeitgenössische Ansätze der Koran und Hadithwissenschaft
S: Der Islam im europäischen Kontext
Wahlseminare: Religionssoziologie, Ästhetik, Tahwid, Religionspsychologie

8. Semester

S: Muslimische Darstellung der Weltgeschichte
Übung: Islamische Handschriften und Textedition
Schlüsselqualifikation
BA-These

Unterschied zwischen islamischer Theologie und Islamwissenschaft bzw. Orientalistik

Es könnte nun die Frage aufkommen, wozu ein Studiengang islamische Theologie notwendig ist, wenn schon vor Jahrzehnten die Islamwissenschaft bzw. die Orientalistik ihren Einzug in deutsche Universitäten hielten. Der Hauptunterschied dieser Bereiche liegt darin, dass im Bereich der Islamwissenschaft/Orientalistik keine islamischen Werte vermittelt werden, d.h., dass Islamwissenschaft und Orientalistik philologisch, soziologisch und historisch arbeitende Studiengänge sind. Die Orientalistik dient hauptsächlich der Vermittlung von Sprachen und Kenntnissen über Literatur, Religionen, Geschichte und Gesellschaften der Staaten im Nahen Osten bis hin zu den nordafrikanischen Staaten, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass überwiegend Menschen muslimischen Glaubens dort leben.

In der islamischen Theologie hingegen werden einzelne islamische Persönlichkeiten – wie beispielsweise Al-Gazzali – zur Kenntnis gebracht, ihre Methoden analysiert oder aber auch in ihrem zeitgenössischen Rahmen eingeordnet. Der Studiengang Islamische Theologie legt Wert auf klassische Texte, auf die Vermittlung der Lehren, auf den Umgang mit religiösen Fragen, die Auseinandersetzung mit der Glaubenspraxis und den Dialog. Es ist ein Fach, das sich an den islamischen Studien wie Tafsir, Hadis, Kalam, Fiqh, Sira etc. orientiert.

Ziele und Blick in die Zukunft

Ziel der ZITh ist es, einen in den europäischen Kontext eingebundenen Islam zu entwickeln. Der deutsche Staat beabsichtigt auf diese Weise, in Deutschland geborene, aufgewachsene und sprachlich kompetente muslimische Theologen auszubilden, die den Bedarf der Gesellschaft decken und in der Lage sind, der Angst vor dem oftmals missverstandenen Islam positiv entgegenzuwirken.

Die Studenten der islamischen Theologie werden hier mit arabisch-islamisch-theologischen Quellen konfrontiert (da es nur wenige übersetzte deutsche Werke gibt) und haben die Aufgabe, die klassischen Werke zu verstehen, zu analysieren und in den heutigen Kontext umzusetzen. Dazu sollen sie in die Lage versetzt werden, eine fachliche Auseinandersetzung mit Fragen zur islamischen Religion durchzuführen.

Auch die Behandlung der klassischen Texte von modernen Muslimen ist ein wichtiger Faktor für die hiesigen Muslime, da diese zukünftigen Theologen einen Vorbildcharakter für muslimische Jugendliche darstellen bei der Identitätsentwicklung und Reflektion des eigenen Glaubens auf Deutsch. Weiterhin sollen die Einrichtungen der Zentren auch „Teil einer zeitgemäßen und überzeugenden Integrationspolitik“ sein. [1]

Das Hauptziel ist es, Nachwuchswissenschaftler/innen, islamische Religionslehrer/innen und Imame auszubilden, damit die muslimisch-deutschen Theologen die sogenannten Import-Imame, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und mit der Lebenswirklichkeit des Gastlandes nicht umfassend vertraut sind, eines Tages ersetzen können. Aber nicht nur Imame, sondern auch islamische Religionslehrer/innen werden benötigt. Wirft man einen Blick in den Zukunftsplan Baden-Württembergs, so ist zu sehen, dass in naher Zukunft der Einsatz von über 2 000 islamischen Religionslehrern in verschiedenen Städten geplant ist.

Ein weiteres Ziel der staatlich geführten Zentren ist es, den interreligiösen Dialog zu fördern und das Verstehen der Werte der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Die Studenten werden durch interdisziplinäre Studien und Schlüsselqualifikationen dazu angeregt, katholisch-evangelische Seminare/VL zu besuchen und mit den dortigen Studenten in Kontakt zu treten. Um dies zu ermöglichen, ist es wichtig, zu den islamischen Fragen in deutscher Sprache überzeugende Antworten liefern zu können.

Es sollte mittlerweile klar geworden sein, dass sich bei den heutigen Muslimen eine „Verbleiborientierung“ [2] entwickelt hat. Es ist für viele Jugendliche keine Option mehr, in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern zurückzukehren. Sie fühlen sich in Deutschland zu Hause und von daher ist ein Zentrum für islamische Theologie ein großer Schritt, um die „Ausländerreligion“, den Islam, in Deutschland zu beheimaten.

Welche Berufschancen gibt es?

Wie bereits oben erwähnt, ist der größte Bedarf für die nächsten Jahre im Bereich der Wissenschaft und im Bereich der Lehre (Religionslehrer oder Imam) vorhanden. Jedoch nicht nur in diesen drei Bereichen werden ausgebildete Theologen gesucht, sondern auch in unterschiedlichen Branchen wie Notfall-, Telefon-, Gefangenen- und Polizeiseelsorge. Weitere berufliche Chancen gibt es in Bereichen der Integration, als Erziehungshelfer, in der Eheberatung, der Streitschlichtung und vielen weiteren mehr. [3]

[1] Zitat der ehemaligen Bildungsministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan
[2] Michael Kiefer „Islamische Studien an deutschen Universitäten“ APuZ 13-14/2011
[3] Michael Kiefer „Islamische Studien an deutschen Universitäten“ APuZ 13-14/2011