Vorurteile wie Atome zertrümmern

GASTBEITRAG „Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil!“ Dieser Satz stammt von Albert Einstein, der es bedauerte, ein Kind dieser Epoche zu sein. Wie schön, dass heute überall verstärkt ganz andere Stimmen zu hören sind – Stimmen von Menschen, die sich aus der Kralle der Vorurteile befreien wollen und sich für ein respektvolles und tolerantes Klima einsetzen.

Die Zahl der Menschen, denen es nach dieser erfreulichen Stimme durstet, nimmt Tag für Tag zu. Einstein zufolge „kann man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Daher gilt es, Respekt vor Andersartigem zu haben, andersartigen Menschen zuzuhören und den Willen zu entwickeln, Nutzen aus dieser Erfahrung zu ziehen.

Deutschland durchlebte im Laufe der Geschichte unbeschreibliche Leiden. Allein die beiden Weltkriege riefen unvorstellbare Traumata hervor. Damit sich solche Leiden nicht wiederholen, ist es notwendig, mit gesundem Menschenverstand zu handeln und jeden Menschen in seinem Sosein zu akzeptieren.

Studie „Muslimische Religiosität in Deutschland“

Aus diesem Grund finde ich den Ansatz der Studie „Muslimische Religiosität in Deutschland“ (2008) der Bertelsmann Stiftung sehr wichtig, beachtenswert und aufbauend.

Liz Mohn, die stellvertretende Vorsitzende des Vorstands und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung, kommt zu dem Ergebnis, dass wir immer noch ganz am Anfang stehen: „Ich persönlich und die Bertelsmann Stiftung möchten damit einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Religionen untereinander und vielleicht damit einen Schritt hin zu mehr Toleranz unter den Menschen leisten.“

Dr. Jörn Thielmann zieht in einem Artikel zu der Studie mit dem Titel „Vielfältige muslimische Religiosität in Deutschland“ folgendes Resümee:

„Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Zentralität der Religiosität die größte Bedeutung für Glaubensvorstellungen und ­praktiken von Muslimen in Deutschland besitzt. Mit einer hohen Zentralität ist aber kein rigider Dogmatismus oder Fundamentalismus verbunden: Hochreligiöse Muslime in Deutschland sind kritisch und reflektiert, mit einer hohen Akzeptanz von religiösem Pluralismus und einem eher pragmatischen Umgang mit religiösen Konsequenzen im Alltag. Nimmt man den
Migrationshintergrund und die Glaubensrichtung mit in den Blick, zeigt sich deutlich ein sehr vielfältiges Bild muslimischer Religiosität. Sunniten sind oft religiöser als Schiiten, Menschen mit iranischem oder bosnischem Migrationshintergrund halten stärker Abstand zu Religion. Alt und Jung liegen dabei meist recht nah beieinander, manchmal sind die Jüngeren allerdings religiöser.“

Stärkere Wahrnehmung alltags-­ und lebensbezogener Religiosität

Auch Prof. Dr. Rita Süssmuths Bewertung in sechs Punkten beinhaltet interessante Perspektiven: „Als ich nun die Ergebnisse zur Religiosität der Muslime in Deutschland sah, fielen mir sechs Punkte auf, die für den interreligiösen Dialog ungemein wichtig sind: Erstens: Bislang wurde die Religiosität der Muslime bei uns sehr politisch wahrgenommen, doch tatsächlich spielen bei den Muslimen selbst die Politik und die politische Einstellung eine sehr untergeordnete Rolle. Zweitens: Unter den Muslimen wird, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung, Religiosität noch viel stärker alltags­ und lebensbezogen wahrgenommen und ist damit für die existenziellen Lebensbereiche ungemein wichtig. Drittens: Die religiöse Erziehung hat bei den Muslimen eine hohe Bedeutung, während umgekehrt keine ständige Instrumentalisierung des beruflichen Bereichs durch Religion stattfindet – dort herrscht eher Zurückhaltung. Viertens: Der religiöse Bereich ist bei den 18­ bis 29­Jährigen sehr hoch vertreten. Das fällt quer durch die religiösen Fragenkomplexe auf. Von einer Abkehr der Religion kann also keine Rede sein. Fünftens: Entgegen dem, was wir annehmen, hat Bildung einen ganz hohen Stellenwert, und das nicht nur bei den Männern. Sechstens: Während in Deutschland noch immer die Meinung herrscht, Muslime haben viele Kinder, wird auch dieses Vorurteil durch die Studie widerlegt. Die größte Gruppe hat mit 56 Prozent ein bis zwei Kinder, nur 30 Prozent haben drei Kinder.“

Noch sind wir weit von jenem Klima entfernt, das in den folgenden Sätzen schön formuliert ist: „Sei so tolerant, dass dein Herz so weit wie der Ozean wird. Sorge dafür, dass kein Mensch mit Problemen dir vergeblich seine Hand entgegen streckt. Bleibe niemandem gegenüber gleichgültig.“

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns auf der Schwelle zu einer neuen erfreulichen Zeit befinden und dass wir endlich, wenn auch noch zögerlich, damit begonnen haben, die Vorurteile zu zertrümmern. Würde Einstein heute leben, hätte er an dieser Entwicklung bestimmt seine Freude.