„Großer Fehler, den Islam für den Anschlag verantwortlich zu machen“

Es passt so gar nicht in das Bild eines „islamistischen“ Terroristen, wie es internationale Sicherheitsdienste häufig zeichnen: Der Mann auf dem Video vom Ort der Bluttat trägt Jeans und Wollmütze. Er spricht fließend Englisch mit Londoner Dialekt, hat eine ordentliche Schulbildung. Er ist dunkelhäutig und bartlos. Einen Tag nach dem mutmaßlichen Terrormord an einem Soldaten im Londoner Stadtteil Woolwich tun sich die britischen Behörden schwer mit der Einordnung der Täter – und damit auch mit der Bewertung des künftigen Sicherheitsrisikos.

Das Augenmerk der Behörden liegt im Moment darauf, keine Nachahmertaten zuzulassen – und die extreme Rechte einzudämmen. Bereits am Abend der Tat hatten sich 250 Rechtsgerichtete versammelt, um gegen den Islam zu demonstrieren. Premier Cameron (mi.), Londons Bürgermeister Boris Johnson (r.) und die Islam-Organisationen in Großbritannien gingen am Donnerstag Hand in Hand, um jeden Fremdenhass gleich im Keim zu ersticken.

Johnson wehrte sich vehement gegen erste Medienberichte, die die islamische Religion mit dem grausamen Anschlag in direkte Verbindung zu bringen versuchten: „Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es ein sehr großer Fehler wäre, wegen dieses Anschlags den Islam zu beschuldigen“.

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Die Tendenz geht nach einer ersten Bestandsaufnahme zur These „einsame Wölfe“. Die beiden mutmaßlichen Attentäter geben bisher den Ermittlern keinen Anlass zur Annahme, dass sie in ein größeres Terrornetzwerk eingebettet sind oder gar in dessen Auftrag handeln – auch wenn sie sich offensichtlich von Al-Kaida-Rhetorik inspirieren ließen. Daran ändert erst einmal auch die Tatsache nichts, dass sie möglicherweise Komplizen hatten. Am Abend wurden ein 29 Jahre alter Mann und eine gleichaltrige Frau unter dem Verdacht der Beihilfe vorläufig festgenommen.

Die Männer hatten ihr Opfer wohl zunächst mit einem blauen Vauxhall (Opel) angefahren. Dann ermordeten sie den Angaben nach den Soldaten bestialisch – mit Messern und einem Fleischerbeil. Die beiden sind nach Lage der Dinge in Großbritannien geboren, zu einer radikalen Form des Islam konvertiert und haben Verbindungen nach Nigeria. Ihre in eine Videokamera gehechelten Thesen erscheinen unklar und beliebig, eine deutliche Botschaft – weder an Unterstützer noch an Feinde – wurde nicht erkennbar.

Champions League-Finale nicht in Gefahr

Sollte sich die Einschätzung bestätigen, könnten zumindest die Fußballfans durchatmen. Das britische Innenministerium hat seine seit 2011 auf „substanziell“ reduzierte Terrorwarnstufe nach der Tat nicht verändert. Das Risiko wird also nicht wesentlich höher eingeschätzt als zuvor. Eine Anordnung an die Angehörigen der Armee, privat nicht in Uniform auf die Straße zu gehen, wurde wieder zurückgenommen.

Die Polizei hat vor dem Champions-League-Finale an diesem Samstag dennoch ihre Präsenz deutlich erhöht und mehr als 1000 zusätzliche Beamte auf die Straßen geschickt. Die beiden Finalgegner Borussia Dortmund und Bayern München winkten schon am Donnerstag ab. „Keine Änderungen im Ablauf“, hieß es etwa aus Dortmund. Man fühle sich sicher, ließen die Bayern wissen.

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Die Behörden in London nehmen die Gefahr aber ernst. „Einsame Wölfe“ sind schwer zu fassen. Sie fallen kaum auf, verhalten sich lange Zeit ruhig – und schlagen dann aus scheinbar unerfindlichen Motiven ohne Vorwarnung zu.

Obwohl das Verbrechen zunächst nicht wie das Werk in Strukturen handelnder Terroristen aussieht, gehen Experten davon aus, dass es sich um islamistischen Terror handelt. „Es ist dieselbe Rhetorik, die wir bei früheren Anschlägen gesehen haben“, sagte Usama Hasan von der Londoner Quilliam Foundation, einem Politik-Institut zum Kampf gegen islamistischen Terror, in der BBC. „Die Muslime müssen diese Rhetorik bekämpfen.“

Kannte der MI5 die Verdächtigen?

Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 hat die Hauptverdächtigen offenbar gekannt. Diese Vermutung, die Premierminister David Cameron am Donnerstag praktisch zur Tatsache machte, könnte noch für politischen Sprengstoff sorgen. Die Sicherheitsdienste und damit Innenministerin Theresa May müssten sich „sehr ernste Fragen“ gefallen lassen, meinte ein Kommentator der BBC. Bereits bei den traumatischen Terroranschlägen von 2005, als in der Londoner U-Bahn sowie in Bussen 52 Menschen starben, waren die Attentäter vorher auf dem Radar der Dienste gewesen.

Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien kämpft als Einwanderungsland seit langem mit dem Problem sogenannter „Home Grown“-Terroristen, also Menschen, die nicht als Terroristen auf die Insel eingereist, sondern im Königreich erst dazu geworden sind. Erst Ende April waren in Birmingham elf Männer zu langen Haftstrafen verurteilt worden, weil sie in der zweitgrößten britischen Stadt eine „Kriegszone“ ausgerufen hatten und offenbar Anschläge planten. (dpa/dtj)