Mediale und politische Steinigung oder Unterhaltung?

Die Streitigkeiten um die neue Gebührenordnung der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten reißen nicht ab. Die scharfe Kritik der Beitragszahler, die die Zwangsgebühr als eine neue Form der Steuer ansehen, scheint nicht unberechtigt zu sein – zumal einige Beitragszahler, was die Beachtung ihrer Interessen anbelangt, gleicher und einige spürbar ungleicher behandelt werden als andere. Für die Einwanderungsgesellschaft von ca. 20 Millionen Menschen mit Zuwanderungshintergrund und etwa 4 Millionen Muslimen stellt sich hierbei auch die Frage: Was bekommen diese eigentlich für ihren Anteil an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Medienapparates als Gegenleistung geboten?

Hierbei bin ich letzte Woche auf einen Hörspiel-Tatort des SWR gestoßen, den die ARD in Auftrag gegeben und veröffentlicht hat. Vom 13.02.13 bis 18.02.13 war es im Radio zu hören und seit dem 18.02. bis einschließlich 18.03.13 (23 Uhr) steht es zum Download zur Verfügung und ist online nachhörbar.

Das Thema und die Beschreibung versprechen erst mal Spannung: „Der Schläfer“ – Ein junger Muslim wird erhängt im Wald gefunden. Die Ermittler müssen gleich mehrere Spuren verfolgen: Eltern, Mitbewohner, Professor – wer ist der Mörder?

Volkspädagogisches Erbauungshörspiel

Was dann kam, erinnert jedoch eher an Realsatire denn an eine gelungene Kriminalgeschichte. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle volkspädagogisch potenziell relevanten Reiz- und Schlagwörter, die in diesem „unterhaltenden“ Hörspiel-Tatort auftauchen, zu notieren:

Al-Kaida – Atheisten – Allahs Wille – Beschnitten (Muslim, Jude oder Amerikaner?) – Beten – Christliche Symbolik – Djihad-Video – Drohmails – Deutsch sprechen verboten durch Ehemann? – Ehrenmord (Familienehre) – Echauffieren über arrangierte Ehe (Kommissarin) – Fatwa gegen Künstler (Morddrohung) – Faschismus – Homosexueller Muslim (Tabu/Iran Todesstrafe) – Islamkeule – Iraner (Opfer) – Deutscher Konvertit (Täter) – Kinderehe – Koran-Verteilung – auf Kopftuch-Mama machen (Bezug auf Türken als Freund/ Kommissarin) – Koran-Zitate – Mohammed-Verhöhnung (Kunst) – Mittelalter – Moscheebesuche – Missionierung des Islam – Orientalischer Typus – Ritualmord – Salafist – Sprenggürtel – Steine als Mordwaffe (Steinigung) – Schläfer – Sünde gegen Gott – Pakistan/Terrorausbildungscamp – Propheten-Beleidigung – Türkischer Freund (Abwertende Erinnerung der Kommissarin) – Todesstrafe durch Steinigung in Thora, NT und Koran (Kreuzigung) – Traditionen – Verschlossenheit – Zwangsheirat

Auffällig ist hierbei, dass Struktur und Inhalte dieses Hörspiels an Inhalte und Angaben des Innenministeriums in dessen Broschüren und Checklisten sowie eine Art Ermittlungsansatz des Profilings für radikale Muslime angelehnt zu sein scheinen. Diese mutmaßlich „radikalen Muslime“ wurden im Laufe der letzten Jahre bis in die Gene und Haarspitzen studiert und erforscht. Die Skandale des Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CDU) durch die Weitergabe der Studie an die BILD und die frühzeitige Veröffentlichung sowie die Hetze über die „Lebenswelt der Muslime“ hatten bis dato keine Konsequenzen und keine Entschuldigung zur Folge.

Wieso gibt es solche Studien eigentlich nicht über die Neo-Nazi-Szene und die Lebenswelt der hiesigen potenziellen Kriminellen? Warum keine Präventions-Hörspiele zur NSU-Mordserie oder über Rassismus und Hasskriminalität gegenüber Migranten?

„Blut muss fließen!“- Wer hat den Mut zur Veröffentlichung?

Warum wird die Ausstrahlung des Videos „Blut muss fließen“, die der Undercover-Journalist Thomas Kuban nach jahrelanger Recherche und lebensgefährlichem Einsatz in der Naziszene gefilmt hatte, abgelehnt und so verhindert, dass die Öffentlichkeit die ungekürzte nackte Wahrheit zur besten Sendezeit zu sehen bekommt? Wäre es nicht relevant genug? Was muss passieren, damit die Relevanz für das Thema hergestellt ist? Noch mehr Tote? Noch mehr Bomben?

Diese Frage beantwortet uns die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Aufklärungsvideo, welches nach scharfer Kritik sofort gesperrt wurde. Ein aufmerksamer Mitbürger hat eine Kopie davon gesichert. Der Skandal hierbei ist die mehrmalige Verwendung des Wortes „DÖNERMORDE“. Außerdem ist unfassbar, dass hier Demonstranten und Protestler gegen „Stuttgart 21“ oder gegen Rechtsradikale als Extremisten gelten und ihre Aktionen mit der terroristischen Mordserie sowie der Hasskriminalität von Rechtsextremisten gleichgesetzt werden.

Kompetenzlosigkeit oder pure Ignoranz?

Nun stellt sich doch die Frage, ob die verantwortlichen Politiker, hierbei ist vor allem auch die Familienministerin Schröder (CDU) zu nennen, überhaupt fähig und in der Lage sind, Definitionen zu liefern, die nicht diskriminierend und kriminalisierend sind und nicht die Opfer der NSU-Mordserie noch zusätzlich verhöhnen. Die Skandale reißen bei der Aufklärung der Terrorserie einfach nicht ab. Ebenso ist im öffentlichen Diskurs die gleiche Kompetenzarmut bei der Prävention gegen Rechtsradikale und Rassismus zu erkennen und nur schwer zu überbieten.

Dies ist jedoch nur eine Momentaufnahme und ein Auszug dessen, was täglich propagiert wird und mit Steuern und Gebühren auch noch von den Opfern ungefragt mitgetragen wird. Ernsthaft sollten sich Medien, Gesellschaft und Politik die Frage stellen, was diese öffentlichen Diskriminierungen und Vorverurteilungen sowie permanenten Kriminalisierungen von Menschen eigentlich für einen Zweck erfüllen sollen angesichts der Tatsache, dass diese für ein friedliches und demokratisches Zusammenleben sicherlich nicht förderlich sind.