Türkei: Wer ist Ergin Saygun?

Die Krise um die „367“ und das daran anschließende Verbotsverfahren gegen die AKP warfen ihre Schatten voraus. In der Zeitschrift „Newsweek“ wurde eine wichtige Prophezeiung veröffentlicht. Die Analytikerin des Hudson-Institutes, Zeyno Baran, schrieb, dass sie die Wahrscheinlichkeit eines Putsches auf ‚fifty-fifty‘ beziffern würde. Sie erinnerte an den 28.Februar und teilte Folgendes mit: „Die Umstände, welche den damaligen Putsch herbeigeführt hatten, zeichnen sich heute erneut ab. Wieder gibt es an der Führung einen Islamisten. Wieder raunen sich wütende Generäle zu, wie sehr die Regierung dem säkularen Staat schade. Meiner Meinung nach steht die Wahrscheinlichkeit für einen Putsch im Jahr 2007 bei 50:50.“

Hudson war eine Einrichtung, die vor allem mit ihren Katastrophenszenarien mit Blick auf die Türkei Aufmerksamkeit errang. Als die Einrichtung über das Attentat auf den Präsidenten des Verfassungsgerichts, zahlreiche Bombenanschläge mit bis zu 50 Toten und ähnliche Ereignisse diskutierte, war in jenen Tagen auch ein hochrangiger türkischer General zu Gast. Und heute wissen wir auch, wer der General war, der „Newsweek“ gegenüber aus dem Nähkästchen geplaudert hatte: Es war der Zweite Vorsitzende des Generalstabs, Ergin Saygun.

Schilderungen möglicher Kampfregionen auf Band

Während die Türkei sich auf die Wahl eines neuen Staatspräsidenten vorbereitete, kam es zu interessanten Entwicklungen. Stabschef Yaşar Büyükanıt erhielt ein dreiseitiges Dossier auf den Tisch. Der Bericht, dem 19 Seiten als Anhang beigefügt waren, schwadronierte über die Gefahren eines ‚Staatspräsidenten, der seine Erziehung von einem islamischen Orden bekam‘. Der Bericht wurde vom Zweiten Vorsitzenden vorbereitet. Hinter der Erklärung Büyükanıts „Wir wollen einen Staatspräsidenten, der dem Säkularismus nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis verbunden ist“ und dem am 27.April veröffentlichten E-Memorandum steckte der kluge General Ergin Saygun.

Die gerichtliche Untersuchung des Balyoz-Putschplanes brachte einige interessante Gespräche aus jener Zeit ans Licht. Die Angeklagten, welche behaupteten, die meisten Beweise wären erfunden, waren gezwungen, ihre eigenen Tonaufzeichnungen als Beweismittel zu akzeptieren. Auf den Balyoz-CDs befanden sich am Ende höchst interessante Äußerungen: „…Mein Kommandant, meiner Meinung nach sind die Regionen Fatih, Çarsamba, Aksaray und Edirnekapı in Istanbul die Zentren aller Aktivitäten des religiösen Fundamentalismus. Die ganzen Derwischklöster befinden sich in der Region Eyüp. Die Derwischklöster und ihre Zweige befinden sich dort. Sogar der Name der Region lautet Hırka-i Şerif. Und die Region zwischen Aksaray und Fatih heißt Sofular. Aus diesem Grund glaube ich, dass vorrangig diese Region unter Kontrolle gehalten werden muss, damit in den Regionen wie Ümraniye, Sultanbeyli usw. effizienter vorgegangen werden kann. Das schlage ich vor.“ – Diese Aussagen konnten eindeutig Ergin Saygun zugeordnet werden.

Pläne scheiterten am Widerstand aus den eigenen Reihen

Die Aufdeckung des Balyoz-Putsches war bekanntlich eine Art Enthüllung eines Geheimnisses. Einige Strukturen der türkischen Streitkräfte, welche das Datum, an dem die AKP die Regierung übernommen hatte, als ‚dunklen Tag‘ bezeichneten, kamen sofort zum Einsatz. Auch wenn der Einklang der Regierung mit der EU und die zerbrechliche Lage der Wirtschaft ihren Mut etwas schwächten und sie die erforderliche Kommandoeinheit nicht auf die Reihe bekommen konnten, hatten sie den Gedanken an eine Intervention nie aufgegeben. Laut den Tagebüchern des Marinekommandanten Özden Örnek soll der Oberbefehlshaber Aytaç Yalman gesagt haben: „Wäre ich letztes Jahr mit Çetin Doğan zusammen gesehen worden, würde mich das den Kopf kosten.“

Am Ende war es Generalstabschef Hilmi Özkök, der die Hoffnungen der Putschisten zerstören sollte, sein Verdienst ist es, dass es zu keinem Putschversuch gegen die Regierung gekommen war. Ergin Saygun, der General in Ruhestand, wurde mit Çetin Doğan zusammen verurteilt. Er wurde schuldig gesprochen, die türkische Regierung durch Zwang an der Ausübung ihrer Pflicht zu hindern oder durch Zwang davon abzuhalten und deshalb zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Er ist ein Gefangener, der eine Herzoperation hatte, weshalb er unter gerichtlicher Überwachung freigelassen wurde. Er ist ein Verurteilter, der von einem nationalen Gericht eine Bestrafung erhielt und auf das Ergebnis seines Prozesses in Revision wartet. Ich wünsche ihm gute Besserung. Doch wenn das Gericht Recht hat, dann wünsche ich eigentlich vor allem der Türkei gute Besserung!

Autoreninfo: Bülent Korucu ist Chefredakteur der türkischen Zeitschrift „Aksiyon“, die wöchentlich erscheint.